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Lesungen

"Idee vom Glücklichsein"

Erneut zu Gast im Bürgerhaus Lokstedt: Anna Maria Kuriková. Sie liest, musikalisch untermalt auf der Violine von Angela Isidora Leal Rojas, aus dem Pariser Tagebuch der Jüdin Hélène Berr. Notizen einer Zwanzigjährigen voller Poesie und von erstaunlicher Reife.

Anna Maria Kuriková hat inzwischen eine echte Fangemeinde im Bürgerhaus. So war ihre Vorstellung erneut bis auf den letzten Platz ausverkauft. Da außerdem etliche nicht angemeldete Zuschauer eingelassen wurden, mussten Stühle aus dem Keller geholt werden und auch Peter Otto, der an diesem Sonntagvormittag an der Kasse saß, stellte einem Gast seinen Stuhl zur Verfügung.

Über diesen Andrang war nicht jeder glücklich. Die Sitzverhältnisse waren denn doch etwas beengt, lange Schlangen am Buffet und schlechte Sicht auf die Akteure unvermeidlich. Die Verantwortlichen sollten bei solchen Veranstaltung dann doch einmal sagen: Sorry, wir sind ausverkauft!

Vorbereitet hatte Kuriková für ihren Auftritt eine Lesung. Das war für den einen oder anderen im Publikum vielleicht etwas enttäuschend – war man doch bisher gewohnt, die quirlige und verwandlungsfähige Schauspielerin in verschiedenen, schnell wechselnden Rollen zu erleben. Am diesem Tag aber hatte Kuriková nur eine Rolle: Die der Studentin Hélène Berr. Und die ist sozusagen die französische Anne Frank. Sie beginnt im Jahre 1942 im besetzten Paris ihr Tagebuch zu schreiben.

Begleitet wurde Kuriková an diesem Tag von der Violinistin Angela Isidora Leal Rojas. Auch sie ist irgendwie Hélène Berr. Stellt Kuriková die Tagebuch schreibende Poetin dar, deren Worte einen so erstaunlich berühren, so ist Leal Rojas die musikalische Seite derselben Person. Denn neben der Literatur war die Musik, sie spielte ebenfalls Geige, die zweite große Leidenschaft der jungen Studentin.

So wechselt der Vortrag hin und her. Nach jedem Tagebucheintrag trägt Leal Rojas auf der Geige vor – überwiegend Fantasien von Telemann, aber auch Stücke von Brahms.

Der Vortrag beginnt damit, dass die junge Héléne, sie ist Studentin an der Sorbonne, es wagt, den großen Lyriker und Philosophen Paul Valery zuhause aufzusuchen. Sie lässt sich von ihm sein soeben erschienenes Buch „Tel quel" signieren: "Wache auf, süßes Licht, dieses lebendige und schöne blaue Leben", schreibt er in ihr Exemplar.

Den sicheren Tod vor Augen beginnt Héléne ab 1942 Tagebuch zu führen. „Mein Gott, ich habe nicht geglaubt, dass es so hart sein würde“, schreibt sie gleich zu Beginn.

Am 8. Juni 1942 berichtet die Pariser Studentin aus gut situiertem jüdischem Haus, sie sei das erste Mal mit dem gelben Stern auf der Brust ausgegangen und sie notiert diese neue Erfahrung so detailliert wie viele andere Einzelheiten ihres Alltags: „Ich ging mit hoch erhobenem Kopf und habe den Leuten so fest ins Gesicht geblickt, dass sie die Augen abwandten.“

Mit der Zeit nehmen die Demütigungen zu. So beschreibt sie die Blicke der Leute, das Fingerzeigen der Kinder und die beginnende Rassentrennung in der Métro. Der Schaffner faucht sie an: „Letzter Wagen!“

Aber auch Zuspruch erfährt das junge Mädchen, ein „Kopf hoch, so sind Sie noch viel hübscher“, treibt ihr Tränen in die Augen.

Hélène schrieb ihr Tagebuch für ihren Verlobten, Jean Morawiecki, den sie an der Sorbonne kennen gelernt hatte und der im November 1942 Paris verließ, um sich in Nordafrika den freifranzösischen Truppen anzuschließen. Über den jungen mit den „grauen Augen“ schreibt sie: „Ich liebe ihn nicht als Person, er ist die Idee vom Glücklichsein.“ Sie wird ihn nicht wiedersehen.

Doch gleichzeitig wirft der Krieg Schatten auf diese Idylle. Als sie nach einer Vorlesung im Jardin du Luxembourg spazieren geht, ist sie zunächst fasziniert vom Spiel der Sonne auf dem Wasser des Teichs im Park. Bis ein Kommilitone meint, die Deutschen würden den Krieg gewinnen und das würde wenig ändern. Von der Schönheit des Augenblicks gepackt erscheint ihr Erwiderung zunächst nichtig. Dann rafft sie sich auf und entgegnet: „Aber die Deutschen lassen nicht Jeden das Licht und das Wasser genießen!“

Bis in die letzten Monate ist das Tagebuch Ausdruck dieser grotesken Ambivalenz. Die Schönheit des Frühlings und die Barbarei der Besatzung gehen an vielen Stellen direkt ineinander über.

„Das Leben ist weiterhin seltsam schäbig und seltsam schön“, notierte sie im Juni 1942, noch bevor ihr Vater verhaftet wurde, weil sein Judenstern nicht aufgenäht, sondern nur angeheftet war.

Hélène Berr lebt aber nicht wie Anne Frank versteckt, sondern ist im Juli 1942 der Union Générale des Israélites en France beigetreten. Trotz der Gefahr, in der ihre gesamte Familie schwebt, engagiert sie sich in dieser Organisation, die den Familien internierter Juden hilft, als freiwillige Helferin. So sieht sie mehr als andere und weiß sehr genau, in welcher Gefahr sie schwebt. Aber sie will nicht fliehen, weil Flucht für sie einem Verrat gleichkäme.

Gleichzeitig wird die Ausgrenzung der Juden immer drastischer. Die Champs Elysées, die Theater, die Restaurants sind den Juden nun untersagt. „Einkaufen dürfen wir bloß noch zwischen 15 und 16 Uhr, aber da sind die Geschäfte geschlossen“, berichtet sie mit einem gewissen Galgenhumor.

Im August 1943, nach neun monatiger Pause, fährt Hélène mit ihrem Tagebuch fort. Sie spürt wohl, dass das grausame Finale beginnt und fasst inzwischen Versäumtes zusammen: Ihr Freund ist nach Spanien aufgebrochen, um zu den Streitkräften unter Charles de Gaulle zu gelangen. Fast alle Freundinnen in der jüdischen Hilfsorganisation wurden mittlerweile verhaftet.

Ihre Tagebucheintragungen enden im Februar 1944. Kurz darauf, am 7. März 1944 wird Hélène zusammen mit ihren Eltern verhaftet und am 27. März, an ihrem 23. Geburtstag, nach Auschwitz deportiert. Im Januar 1945 übersteht sie den Todesmarsch von Ausschwitz nach Bergen-Belsen, wo sie Anfang dann im April 1945 einer Typhuserkrankung erliegt.

Das ihr Tagebuch der Nachwelt erhalten blieb, ist einer Hausangestellten zu verdanken, der Hélène es anvertraut hatte. Was bleibt sind Worte wie diese: „Werden sich viele Leute vorstellen können, was es bedeutet hat, in diesem entsetzlichen Sturm zwanzig zu sein, ein Alter, in dem man bereit ist, die Schönheit des Lebens anzunehmen, in dem man ganz bereit ist, den Menschen sein Vertrauen zu schenken?“

So. 23.02.2014

Bürgerhaus Lokstedt

Literaturbrunch mit Musik

Hélène Berr: „Pariser Tagebuch 1942 - 1944“ mit Anna Maria Kuriková, Schauspielerin und Angela Isidora Leal Rojas, Violinistin. Mit erlesenem Brunch.

Sottorfallee 9, 22529 Hamburg
Tel. 56 52 12

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© Lokstedt-online 25.02.2014