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Zeitzeugen

In stolzer Trauer

Jeweils am zweiten Sonntag im Monat hält das Bürgerhaus Lokstedt zukünftig einen Thematischen Frühschoppen ab. In der Auftaktveranstaltung „ Zeitzeugen“ berichtete Günter Lucks, Autor des Bestsellers „Ich war Hitlers letztes Aufgebot“, aus seinem Leben.

Wenn Sie etwas über die Geschichte ihrer Familie erfahren möchten, fragen Sie die ältesten Verwandten zuerst. Diese aus der Ahnenforschung entlehnte Binsenweisheit war es wohl, die Robert W. Hugo unlängst zu der provokanten Fragestellung „Leben Zeitzeugen ewig?“ bewegte.

So mancher, der das Glück hatte, nach dem Zweiten Weltkrieg geboren zu sein, hat es vielleicht schon einmal bereut, seinen Eltern oder Großeltern nicht mehr Informationen über die Zeit des Dritten Reichs entlockt zu haben. Zumal die Auswirkungen der NS-Diktatur bis in die heutige Zeit hinein zu spüren sind. Kaum ein Volk tut sich mit seiner nationalen Identität so schwer, wie dies die Deutschen tun.

Aber auch das Verständnis und die Identifikation mit der eigenen Familiengeschichte, setzt die Kenntnis über die Handlungen der Altvorderen voraus. Kann ich stolz sein auf meine Familie oder muss ich mich schämen?

Was wäre aber, wenn nun der gesamten Nachkriegsgeneration allmählich die Zeitzeugen der Kriegsgeneration verloren gingen?
Die Erkenntnis, dass ein bei Kriegsende 18-Jähriger in diesem Jahr 87 Jahre alt wird, mag Hugo auf die Idee gebracht haben, mit diesen „aussterbenden“ Zeitzeugen seine Veranstaltungsreihe im Lokstedter Bürgerhaus zu starten.

Einmal im Monat sollen hier zukünftig monothematische, moderierte Frühschoppen abgehalten werden. Im geselligen Beisammensein können dabei Kontakte geknüpft werden, Gespräche vertieft und Informationen ausgetauscht werden. Zur Eröffnungsveranstaltung geladen hatte Hugo in Kooperation mit der Zeitzeugenbörse Hamburg. Die stellte mit Richard Hensel, Jahrgang 1933, auch den Moderator. Zu Gast war Günter Lucks. Zeitzeuge Lucks, Jahrgang1928, durchlitt den Nationalsozialismus im Hamburger Osten als Sohn kommunistischer Eltern.

30 Gäste waren zu diesem ersten Frühschoppen erschienen. Das ist für das Bürgerhaus eine große Zahl, die es den spät eintreffenden Gästen abverlangt, die Veranstaltung aus dem Nachbarraum durch die geöffnete Schiebetür verfolgen zu müssen - einige Plätze sogar ohne Sicht auf das Podium. Sollte der Andrang zu der Veranstaltung weiterhin so groß sein, sollte sich der Veranstalter noch einmal Gedanken über die Sitzordnung und die Akustik machen.

Helena Peltonen-Gassmann vom Bürgerhaus Lokstedt las dann, allerdings mit lauter Stimme und daher auch in den hinteren Reihen (im Nebenraum) gut verständlich, zur Einleitung in die Thematik einige Seiten aus dem Vorwort von „Hitlers vergessene Kinderarmee“. Dies das neueste Werk Lucks‘, das aktuell gerade erscheint. In der Vorankündigung des Verlags heißt es: „Sie waren Teil einer ‚Kinderarmee‘, Hitlers letztes Aufgebot: 16- und 17-jährige Hitlerjungen, die in Schnelllehrgängen zu Soldaten geschliffen wurden, um dann im Frühjahr 1945 noch in einem Krieg verheizt zu werden, der längst verloren war. In Wahrheit waren diese Kinder jedoch keineswegs ‚wehrfähig‘, geschweige denn ‚Männer‘. Und sie zahlten für ihren missbrauchten Eifer meist einen hohen Preis. Zehn ihrer Geschichten gehen die Autoren in diesem Buch nach: Geschichten aus dem bislang kaum erzählten letzten Kapitel des Zweiten Weltkriegs.

Im Laufe der weiteren Veranstaltung war dann leider nicht jeder Vortragende immer so gut zu verstehen, wie die vorlesende Peltonen.

Im Anschluss an die Lesung begann die Zeitzeugenbefragung und die Veranstaltung erfuhr sogleich ihren ersten Höhepunkt. Lucks berichtet über seine „freiwillige“ Verpflichtung zu Waffen-SS. Auf einem Lehrgang im Reichsausbildungslagers im tschechischen Bad Luhatschowitz im Februar 1945 erging es dem damals 16-jährigen Hitlerjungen wie so manchem. Er wurde genötigt, sich freiwillig zur Waffen-SS zu melden. Die Hitlerjungen mussten antreten und ein Vorgesetzter deklamierte für den gesamten Lehrgang den Beitritt zu Waffen-SS. Das war’s! Lediglich ein Einziger unter den anwesenden Hitlerjungen hatte den Mut vorzutreten und sich zu weigern. Er wurde zwar auf das übelste beschimpft, durfte aber nach Hause fahren. Dazu brauchte es schon Zivilcourage - sollte man meinen.

Doch zwei weitere anwesende Zeitzeugen berichteten, dass sie in ähnlicher Situation genau dies getan hätten. Sie hätten erklärt, zur Luftwaffe zu wollen (die zu dieser Zeit über gar keinen Treibstoff mehr verfügte) oder brachten vor, dass sie Christen seien und ihre Eltern nicht die Zustimmung zu einer freiwilligen Verpflichtung geben würden.

Genau dies entspricht dem Vorgehen der Zeitzeugen, wenn sie etwa Schulklassen besuchen. „Wir kommen nach Möglichkeit zu zweit. Zweierlei Sichtweisen und Erlebnisse machen jedes Thema viel abwechslungsreicher“, heißt es in der Broschüre „erinnern, erzählen, aufschreiben“ der Zeitzeugen Hamburg.

Ein weiterer Zeitzeuge berichtete, dass in einer Dienstanweisung für Hitlers letztes Aufgebot unter „Mitzubringen“ aufgelistet wurde: „Rasierzeug soweit erforderlich.“ Hinter dieser heute fast komisch wirkenden Formulierung steht allerdings die traurige Wahrheit, dass hier im bereits verlorenen Krieg hunderttausende Kinder verheizt wurden. Dieser Zeitzeuge (Jahrgang 28 aus Berlin, ehemaliger Luftwaffenhelfer) hat seine Erinnerungen in einer Mappe zusammengetragen und stellte diese Hensel zur Verfügung. Sie sollen im nächsten Zeitzeugenheft veröffentlicht werden.

Aber auch von der Verantwortung der Mütter war die Rede. So berichtete Hugo von einer Tante, die in einer Todesanzeige schrieb: „Ich habe meinen Sohn Adolf Hitler geopfert. In stolzer Trauer.“ Vier Wochen später meldete sie kleinlaut, er sei doch nicht den Heldentod gestorben, er sei vielmehr in Kriegsgefangenschaft geraten.

Danach schildert Lucks uns weitere Episoden seiner Kriegserlebnisse: Im April 1945 wurde er verletzt und geriet in russische Gefangenschaft. Hier erlebte er schreckliches, traf aber auch auf Kameradschaft und Freundschaft - sowohl unter seinen deutschen Mitgefangenen als auch unter seinen Peinigern.

Mitte 1948 lernte Lucks auf einer Baustelle in Moskau ein russisches Mädchen kennen und verliebte sich in sie. Die Beziehung zwischen einem Faschisten und einer Kommunistin wurde von den Vorgesetzten im Arbeitslager allerdings nicht duldet. Sie sahen sich niemals wieder, nur eine Fotografie erinnert Lucks seither an seine Walja.

Befragt wurde Lucks dann auch zu seinen Erlebnissen im Hamburger Feuersturm, bei dem er am 27. Juli 1943 seinen Bruder Hermann verlor. Nur ein einziges an Nagelsweg in Rothenburgsort wurde nicht zerstört.

Zu diesem Thema meldete sich auch Klaus Knuth aus Lokstedt zu Wort, der die Bombardierung durch die Royal Airforce (Operation Gomorrha) in der Grelckstraße erlebte. Knuth beklagt die vielen Fehlalarme der Vortage vor dem entscheidenden Angriff. Sie hätten dazu geführt, dass Tausende Menschen nicht in die Bunker gegangen seien. Auch er und seine Familie wären damals in ihrer Wohnung geblieben, hätten nur mit Glück überlebt.

Leider blieb dies am heutigen Tage die einzige Schilderung aus Lokstedt. Um dieses Versäumnis nachzuholen, hier noch eine Schilderung eines weiteren, allerdings lange verstorbenen Lokstedter Zeitzeugen. Unser Heimatmaler Alexander Oskar Noah erlebte den Untergang der Familienwohnstätte am Brunsberg und den seines Ateliers gleichsam aus der Ferne mit: „In Kappeln merkte man nicht viel vom Krieg. Bei schönstem Wetter malte ich meine Aufträge. Abends gab‘s meistens schöne Sonnenuntergänge. Doch einmal wurde das Abendrot schauerlich brandig, fast Unheil verkündend. Dazu zogen große Bombergeschwader in Richtung Hamburg. Zum erstenmal sah man in der Dunkelheit die sogenannten Christbäume über Hamburg schweben, fast ein lustiger Anblick.“ Dann erhielt er ein Telegramm von seiner Ehefrau Anna: „Totalschaden - komme sofort!.“

Der in Dresden geborene Freigang Müller meldete sich zu Wort. Er berichtete über seine Erlebnisse aus Dresden. Er und seine Mutter seien zu Fuß aus der brennenden Stadt geflüchtet und dabei von Tieffliegern beschossen worden. Dieser, inzwischen sogar von Verantwortlichen der Royal Airforce als Kriegsverbrechen eingestandene Mord an der Zivilbevölkerung, wurde noch 2010 von der offiziellen „Historikerkommission zu den Luftangriffen auf Dresden zwischen dem 13. und 15. Februar 1945“ klein geredet, die Opferzahlen verfälscht. Von nur 15.000 Toten sprach die Kommission, obwohl die tatsächliche Zahl der Toten nach anderen Schätzungen bei einigen Hunderttausend gelegen haben dürfte. Auch dies ein wichtiger Zeitzeugenbericht.

Trotzdem verflachte anschließend die Veranstaltung. Es reichen oft schon eine Handvoll von Zeitzeugenberichten aus, um eine Diskussion über Schuld, Moral, Ursachen und deren Auswirkungen zu entfachen. Und es dauert dann meist auch nicht lange, da ist die Diskussion bei den heute allgegenwärtigen Themen angelangt: Beklagt wurde die Intoleranz der Muslime. Einige Anwesende verließen dann auch vorzeitig die Veranstaltung.

Schade, manch einer hätte sich noch mehr Zeitzeugenberichte gerade aus Lokstedt gewünscht. Robert Hugo wird deswegen eine neue Veranstaltungsreihe „Zeitzeugen Lokstedt“ einführen. Diese soll viermal im Jahr stattfinden. Die gesammelten Zeitzeugenberichte sollen später an Schulen im Geschichtsunterricht vortragen werden.

Der nächste Frühschoppen findet am 9. März 2014 zur Thematik „Maritimer Verkehr“ statt und bietet wieder reichlich Gelegenheit zum Gedankenaustausch.

So. 09.02.2014

Bürgerhaus Lokstedt

Thematischer Frühschoppen: Lokstedter Zeitzeugen

Im geselligen Beisammensein können Sie Kontakte knüpfen und Interessantes erfahren. Es berichten uns Zeitzeugen über herausragende Ereignisse aus ihrem eigenem Erleben, Sie erhalten Informationen aus erster Hand. Eintritt frei.

Sottorfallee 9, 22529 Hamburg
Tel. 56 52 12

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© Lokstedt-online 11.02.2014