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Literatur-Brunch

“Willst, Lakritz?”

Zum 12. Mal wurde am Sonntag ins Bürgerhaus zum Literatur-Brunch geladen. Ulrike Schröder verzauberte mit Texten von Hans Leip und Siegfried Lenz. Eine weitere gelungene Veranstaltung im Rahmen der Feierlichkeiten zum 30. Jubiläum des Bürgerhauses Lokstedt.

Hätten die Veranstalter am Sonntagvormittag (22.04.2012) einen Spickzettel gebraucht, hätten fünf große „L" ausgereicht: Lokstedt - Literatur - Lesung - Leip - Lenz.

Lokstedt

Pünktlich um 11 Uhr eröffnete Vorstandsmitglied Uschi Ihsche die Veranstaltung mit einem Paukenschlag. Ulrike Schröder wird schon in den nächsten Wochen Hamburg endgültig verlassen und einen Farmer aus Namibia heiraten. Obwohl doch eigentlich ein Anlass zur Freude, zumal, wenn man das Alter der Braut in Rechnung stellt - witzelte Ulrike Schröder im weiteren Verlauf der Veranstaltung selber über ihr „spätes Glück“ -, waren die Stammgäste ihrer Lesungen geschockt. So sehr hat man hier im Bürgerhaus Lokstedt die fröhlich vortragende Ulrike ins Herz geschlossen.

Den Appetit ließen sich die Gäste dann allerdings doch nicht verderben, denn direkt im Anschluss an diese Neuigkeiten konnte das Buffet „geentert“ werden. Gerade die richtige Zeit für ein Katerfrühstück, für den, der beim Jubiläumsempfang am Tag zuvor kräftig gefeiert hatte.

Der Vorsitzende des Bürgerhauses Jörg Fischlin war allerdings noch so lange mit letzten Abbauarbeiten von Bühne und Musikanlage im Festzelt beschäftigt, dass er gerade noch das letzte Stück des herrlich zubereiteten Lachs‘ ergattern konnte. Und schon ging es los.

Literatur

Ulrike Schröder berichtete natürlich auch kurz. Ergänzte, dass sie erst lange und weit hätte reisen müssen, um endlich den Richtigen zu finden. Der nun aber würde passen und da hätte eine Freundin ihr geraten „schnell zuzugreifen“.

Die Themen der durch und durch humorvollen Lesung waren damit auch abgesteckt: Die Liebe und das Hochzeiten bildeten einen Schwerpunkt im Programm. Kein Wunder schließlich war in den Räumen des Bürgerhauses Lokstedt früher mal ein Standesamt. Doch da es hier im Bürgerhaus Lokstedt meist um Hamburger Literatur geht, darf auch die Seefahrt und die skurrile Nachbarschaft, sei es die in Othmarschen oder Schleswig-Holstein, nicht fehlen.

Lesung

Die Autoren, die zur Lesung anstanden, diesmal Hans Leip und Siegfried Lenz. Da bedurfte es hier in Hamburg nicht vieler einführender Worte. Hans Leip ja gebürtiger Hamburger (Jungfernstieg) und Siegfried Lenz, aus Ostrpreußen stammend, seit Jahrzehnten in Hamburg lebend.

Leip

Hans Leip wurde 1893 als Sohn eines Seemanns in Hamburg geboren. Er schrieb Romane und Erzählungen, Lieder und Gedichte. Weltberühmt wurde sein Lied "Lili Marleen". Aber auch das Lied „Oh Jonny“ stammt aus seiner Feder.

Ulrike Schröder führte uns dann mit zwei Lesungen zurück ins Hamburg der 1920er und 1930er Jahre. Ihr Vortrag mit einem wunderbaren Hamburger Slang, je ein Kapitel aus:

Der Nigger auf Scharhörn, Hamburg 1927 und
Jan Himp und die kleine Brise, Hamburg 1934

Zwei fantastisch geschriebene Geschichten. Beide mit Protagonisten, die, kaum konfirmiert, keinen dringenderen Wunsch verspüren, als per Schiff die Enge ihrer Heimat St. Pauli verlassend, in die weite Welt hinaus zu fahren.

Lenz

Nun kam Siegfried Lenz an die Reihe. Auf besonderen Wunsch trug Ulrike erneut „Meine Straße“ vor. Die köstliche Geschichte über die Straße in der Lenz noch heute wohnt. Ausgerechnet in Othmarschen, der Stadtteil, da war er sich mit seiner Frau bei der Haussuche einig, in den man auf gar keinen Fall ziehen wollte.

Leute von Hamburg - Meine Straße, 1968

Der Ehrenbürger dieser Stadt versteht es, die kleinen Schwächen und sympathischen Eigenarten der Leute von Hamburg treffend zu skizzieren. Ulrike trug wieder wunderbar vor. Diesmal gelegentlich mit dem steifen, spitzen und hochnäsigen Tonfall der sogenannten besseren Hamburger Gesellschaft.

Nach einer kurzen Pause, in der man Kaffee und Butterkuchen vom Buffet nehmen konnte, wurde es dann zuweilen sehr skurril.

Ulrike Schröder las drei Kapitel über die fiktiven, von Lenz erfundenen Dörfer Bollerup und Suleyken.

Zunächst kam, nicht ganz chronologisch, das Dorf Bollerup in Schleswig-Holstein an die Reihe. Hier gibt es kauzige Holsteiner Originale und ihre Bauernschläue zu bewundern. Lenz selbst sagt über dieses Dorf: „In Bollerup, einem Dorf an der Ostsee, heißen nur wenige Leute anders als Feddersen. Um sich gelegentlich voneinander zu unterscheiden, haben sich die Einwohner Zusatznamen gegeben: die Kneifzange z.B., der Schinken-Peter, der Leuchtturm, der Dorsch oder die Schildkröte. Man sieht, Bollerup hat seine Eigenheiten. Zu ihnen gehört zweifellos auch der selbstgebraute Mirabellengeist. Er produziert seltsame, krummwüchsige Gedanken, aber auch erstaunliche Einfälle, er prägt sogar Charaktere.“

Ulrike liest aus dem Buch:

Der Geist der Mirabelle: Geschichten aus Bollerup, 1975

Zunächst herrlich makaber die „Geschichte vom Mann mit dem Holzbein“. Hier taucht 20 Jahre später das abgeschnallte Holzbein aus dem Bestseller „Suleyken“ wieder auf. Diesmal gerät es Franz Jesper Feddersen, genannt Dorsch, in einen Mähdrescher. Der zufällige Beobachter dieses Ereignisses ahnt natürlich nicht, dass es nur das „Alltagsholzbein aus Fichte“ war und nicht das gute Sonntagsholzbein aus Eiche.

Danach weniger makaber, aber herrlich skurril, die „Geschichte von den Hintergründen einer Hochzeit“. Hier lässt ein ebenfalls Feddersen heißender Landbewohner und Mischwaldbesitzer seine Braut ganze neun Jahre warten, nur weil er von seinem verstorbenen Onkel einen Keller voll mit Hochprozentigem geerbt hat. Den will er vor der Hochzeit noch alleine trinken.

Zum Abschluss der Lesung noch eine Masurische Geschichte, wie sie wohl nur im Dorf Suleyken vorkommen kann:

So zärtlich war Suleyken - Masurische Geschichten, 1955

Herrlich in nahezu perfekter ostpreußischer Aussprache haucht Ulrike dieser Liebesgeschichte Leben ein. Einfach wunderbar, wenn sie Joseph Waldemar Gritzan zu seiner Katinka sagen lässt: “Willst, Lakritz?”

Oder wenn Katharina Knack gerufen wird: “Katinka, wo bleibt die Wäsch’!”

Diese Kunst, ostpreußisch zu sprechen, verrät uns Ulrike, habe sie von einem Onkel mitgekommen, der einst eine späte Jungfer aus ihrer Familie - damals verstand man darunter allerdings eine Alter um die Mitte Zwanzig - geheiratet hat. Und damit waren wir abschließend wieder beim Thema späte Heirat. Kaum zu glauben, dass Ulrike ihrem Publikum und auch ihrer Firma, sie veranstaltet ganz besondere Hamburg-Führungen, den Rücken kehren wird.

Sie versprach aber, recht häufig nach Hamburg zu kommen. Gleich wurden da die Kalender gezückt. Mal sehen, vielleicht auf ein Wiedersehen im Bürgerhaus.

www.ulrike-schroeder.com

So. 22.04.2012, 11.00 Uhr

Literatur-Brunch
Lesung hanseatischer Autoren mit fünf großen „L": Lokstedt - Literatur - Lesung - Lenz - Leip; vorgetragen von Ulrike Schröder; mit erlesenem Brunch.
Bürgerhaus Lokstedt
Sottorfallee 9, 22529 Hamburg

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© Lokstedt-online.de 23.04.2012