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Theater im Bürgerhaus

Mit gerötetem Gesicht in den Kampf

Anna Maria Kuricová präsentiert ihre schauspielerische Extra-Klasse im Bürgerhaus Lokstedt mit ihrer Darbietung der Marquise von O... Szenische Lesung nennt sie diese Form des Kammerspiels, in der sie Textpassagen der Novelle liest und zwischendurch alle neun Charaktere spielt.

Das war wieder einmal köstliche Unterhaltung am Sonntagabend mit Anna Maria Kuricová. Dem meisten Zuschauern ist sie noch aus dem letzten Jahr in Erinnerung, als sie zusammen mit Antje Temler das Bürgerhaus-Publikum mit Anton Tschechow bekannt machte. Russische Literaturhäppchen nannten sie sie ihr wunderbares Programm.

Heinrich von Kleists Marquise von O... nun als Ein-Personen-Besetzung schließt nahtlos an die Literaturhäppchen des letzten Sommers an. Der Vollblut-Schauspielerin mit umfassender, akademischer Ausbildung und breitem Repertoire reichen wenige Requisiten, um die verschiedenen Charaktere in Szene zu setzen. Am heutigen Abend waren dies Fellkappe, Lupe, Mantel, Stock, Zeitung, Teetasse, Fächer und Duschhaube für alle neun Akteure.

Auf den Handlungsstrang wollen wir hier nicht weiter eingehen. Die Gesellschafts-Novelle um die skandalöse Begebenheit einer unwissentlich zustande gekommenen Schwangerschaft, ein allseits bekannter Klassiker.

Die Wandlungen der Schauspielerin, der en passant ablaufende, schnelle Wechsel der Rollen, waren es, die das Publikum begeisterten.

Im unschuldigen weißen Bühnenkleid mit türkisfarbener Bauchbinde spielt Kuricová die Titelrolle der Julietta. Mit der Mutter (Frau von G...) im Gespräch, deutet die Teetasse die Frühstücksszene an, der rasant schnelle Rollenwechsel im Gespräch wird durch die Stimmlage und einen veränderten Gesichtsausdruck vollzogen. Die Frau von G... dabei mit leicht säuerlich gespitztem Mund.

Überhaupt sind es verschiedene Grimassen, mit denen Kuricová weitere Personen überzeugend darstellt. Sei es Juliettas Vater, der Herr von G…, (auch Lorenzo, Obrist oder Kommandant der Zitadelle genannt), ihr Bruder (der Forstmeister von G…), oder der vor sich hin schleichende, tranige Diener.

Mit Requisiten belebt Kuricová die Nebenrollen General, Arzt und Hebamme, hierfür reichen Pelzmütze, Lupe und Duschhaube.

Um Graf F…, den flotten, russischen Leutnant schließlich darzustellen, wirft Kuricová sich einen Mantel über die Schultern.

Im stürmischen Kampf in der Zitadelle ergreift der Graf einen Stock, jagt mit diesem Degen die feindlichen Soldaten in die Flucht und „rettet“ die Marquise vor einer Vergewaltigung - allerdings nur, um sich seinerseits an ihr zu vergehen. Eine Szene mit raschen Wechsel zwischen darnieder sinkender Marquise und zunächst mutig kämpfenden, dann feurig erregtem Grafen, die Kuricová merklich liegt. Dann zeigt der Graf eine charakterliche Schwäche, die in den Augen der Marquise für die spätere Verwandlung des Grafen vom rettenden Engel zum Teufel verantwortlich ist und schließlich in der Synthese den Menschen mit verzeihlichen Fehlern kennzeichnet.

Im Anschluss also an das Gefecht in der Zitadelle ist es soweit. Die Marquise verliert nach ihrer Rettung kurz das Bewusstsein und es kommt der Satz mit dem berühmteste Gedankenstrich der deutschen Literatur. Der Gedankenstrich, da die Marquise bewusstlos am Boden liegt, bezeichnet den Moment der Schwängerung: „Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, dass sie sich bald erholen würde; und kehrte in den Kampf zurück.“

Nach diesem teils unfreiwilligen tête-à-tête, fügt die Schauspielerin in Abwandlung des Textes eine Bemerkung ein: „und kehrte ,mit gerötetem Gesicht‘ in den Kampf zurück.“ Sie weist mit dieser Bemerkung das Publikum darauf hin, dass der entscheidende Akt nun vollzogen ist.

Danach dreht Kuricová noch einmal auf. Schließlich sind nach der Pause, in der die Zuschauer sich an einem reichhaltigen Buffet stärken konnten, noch die gesamten gesellschaftlichen Wirrungen dieser unwissentlich zustande gekommenen Schwangerschaft abzuarbeiten.

Das Publikum jedenfalls war begeistert und obwohl es in der guten Stube des Bürgerhauses eigentlich weder Bühne noch Vorhang gibt, bekam Kuricová drei Vorhänge. Das begeisterte Publikum rief sie mit tosendem Applaus immer wieder auf die improvisierte Bühne zurück.

So. 27.10.2013

Bürgerhaus Lokstedt

Die Marquise von O...

von Heinrich von Kleist. Anna Maria Kuricová in neun Rollen. Mit nur wenigen Kostümteilen und Requisiten verkörpert sie alle Figuren im frischen Erzählstil.
Inkl. kleiner Snacks und Begrüßungsgetränk.

Sottorfallee 9, 22529 Hamburg
Tel. 56 52 12

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© Lokstedt-online 28.10.2013