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Nachverdichtung

Parkplätze werden geopfert

„Das Leitbild 'Metropole Hamburg - Wachsende Stadt‘ kann nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn in der Öffentlichkeit eine breite Akzeptanz dafür besteht und möglichst alle gesellschaftlichen Gruppen das Leitbild mittragen und mit Leben erfüllen“, heißt es in einer Broschüre der Stadt aus dem Jahr 2003.

Zehn Jahre später allerdings spürt man, dass der Bevölkerung die Akzeptanz für dieses Leitbild abhanden gekommen ist – wenn es sie denn je gab. Gründe für diesen Verdruss finden sich mittlerweile in nahezu jedem Quartier:

- fehlendes Verkehrskonzept
- Schwund von Fahrrad- und Fußgängerwegen
- planlose, oft willkürliche Nachverdichtung
- Vernichtung von Schrebergärten, Sportstätten und Grünflächen

Nun kommt ein weiteres Problem hinzu. Der sogenannte Stellplatzschlüssel fordert zwar für jede neue Wohneinheit 0,8 Stellplätze, ein Bestandsschutz für forhandene Altparkplätze gibt es aber nicht in jedem Fall. Neubauten fressen nicht mehr nur Frei- und Grünflächen. Zunehmend werden auch Parkplätze Opfer von Bauvorhaben.

Das südöstliche Lokstedt

Das Quartier zwischen dem Grandweg, der Troplowitz- und der Julius-Vosseler-Straße, trug in den letzten Jahren die Hauptlast im Bezirk Eimsbüttel, wenn es galt großspurigen Leitbilder umzusetzen:

„Um aus diesen Veränderungen gestärkt hervorzugehen und auch in Zukunft mit Metropolen wie Barcelona, Amsterdam, Sydney oder Toronto in einer Liga zu spielen, entwickelt die Hansestadt ihre Stärken weiter: Hamburg soll wachsen, um konkurrenzfähig zu bleiben.“

Um in dieser internationalen B-Liga der Weltstädte weiter mithalten zu können, heißt es: Elbphilharmonie, Elbvertiefung und U-Bahnbau in der Hafencity. Und ein weiteres ambivalentes Schlagwort macht die Runde: Nachverdichtung.

Verspricht sie den Investoren Profit, hält sie für die alt-eingesessenen Bürger lediglich zusätzliche Belästigungen bereit: Fehlendes Verkehrskonzept, kein Geld für eine Stadtbahn, schaukelnde Fahrten im überfüllten Metrobus, unzureichende Fahrrad- und Fußwege, Stau, Verkehrschaos und Baustellen an jeder Ecke.

Aktuell besonders betroffen von der Nachverdichtung und den damit verbundenen Problemen: das südöstliche Lokstedt. Hier in Lokstedt, dass Städteplaner gerne als Urbanisierungszone bezeichnen, wurden unter anderem die Neubausiedlungen Veilchenviertel, 360 Grad Lokstedt und Parkside Lokstedt gebaut. Dafür wurden Altersheime und Sportplätze abgerissen.

Doch mittlerweile reicht dies den Verantwortlichen nicht mehr. Neben der Bebauung von Grünflächen wird zunehmend nachverdichtet. Bebauungspläne werden dabei oft auf die Wünsche des Bauträgers zugeschnitten. Das heißt dann, dass die Grundstücke so komplett bebaut werden dürfen, dass die Baucontainer während der Bauzeit auf dem Fußweg und der Straße stehen. Parkplätze für die Alt-Eingesessenen meist Fehlanzeige.

Auf Grundstücke, die sich für eine solche Nachverdichtung eignen, wurde regelrecht zur Jagd geblasen:

„Die mit dem ehemaligen räumlichen Leitbild 'Wachsen mit Weitsicht' formulierte Zielsetzung der Freien und Hansestadt Hamburg insbesondere auch eine qualitätsvolle und nachhaltige innere Entwicklung zu erreichen, war Anlass zur weiteren Intensivierung der seit Jahren bestehenden planerischen Aktivitäten zur Nachverdichtung bestehender Wohnquartiere. Insbesondere die Quartiere der 50er / 60er Jahre bieten hier auf Grund ihrer Standortintegration und der oft großflächig dimensionierten Freiräume nach dem Konzept des „fließenden Raumes“ große Potenziale für eine Nachverdichtung.
Aus diesem Grund wurde 2008 mit einer flächendeckenden Erfassung der 50er / 60er Jahre Quartiere im Bezirk Eimsbüttel hinsichtlich ihrer Lage, der städtebaulichen Strukturen, ihrer Einbindung, Eigentumsverhältnisse etc. begonnen. Auf Grundlage dieser Voruntersuchung wurden 11 Quartiere ausgewählt.“

Schon damals warnte FDP-Fraktionsvorsitzende Lutz Schmidt im Zusammenhang mit dem Bebauungsplan Lokstedt 53 - einem Plangebiet von 80.000 qm Fläche: „Wie hier ein neuer Bebauungsplan gegen viele berechtigte Anwohner-Interessen durchgepeitscht wurde, spottet jeder Betrachtung. Lokstedt verliert zunehmend seinen liebenswerten Charakter und hohen Wohnwert"

Der Rimbertweg

Fündig wurden die Planer auch bei zwei Siedlungen der Schiffszimmerer Genossenschaft. Diese zeigte sich gleich hoch erfreut, bedeutet die Nachverdichtung für den Hausbesitzer doch quasi kostenfreies Bauland. Dabei wurden die Verantwortlichen dann offensichtlich bald schon blind vor Gier, verloren ihre genossenschaftlichen Verpflichtungen aus den Augen und sagten, ohne erst mit ihren Genossen zu reden, dem Bezirk die unverzügliche Umsetzung der Pläne zu.

Nachdem das Ansinnen der Schiffszimmerer am Spannskamp zu verdichten schon für Unmut und Ablehung unter den Genossen geführt hatte, so erleben die Bewohner des Rimbertweg nun den Super-Gau. Sie sollten für die aufsässigen, bauunwilligen Stellinger Mieter der Schiffszimmerer büßen. Irgendwo musste doch schließlich verdichtet werden. Man hatte ja dem Bezirk voreilig die Bebauung zugesagt.

„Wir als Anwohner im Rimbertweg haben die Mitteilung unseres Vermieters, der Schiffzimmerer Genossenschaft, erhalten, dass unsere 80 Garagen und 40 Stellplätze abgerissen werden sollen. Das sind 120 Parkplätze die fehlen werden! Es sollen zwar in einer neuen Tiefgarage 80 neue geschaffen werden, aber dafür auch 40 neue Haushalte, die jeder mindestens einen davon erhalten werden. Das bedeutet für die Straße, dass auf Dauer (in der Bauphase wird es sicher noch schlimmer) 80 Parkplätze fehlen. Wo sollen wir hin mit unseren Autos?“, schreibt uns Katrin Tannert in einem Leserbrief.

Die Schiffszimmerer Genossenschaft verteidigt sich gegenüber ihren Mietern mit dem Bebauungsplan, der die Bebauung vorgebe. Das ist natürlich Unsinn. Kein Grundstückbesitzer kann gegen seinen Willen gezwungen werden zu bauen.

Zudem verärgert sie ihre Genossen durch unzureichende Kommunikation. Auf der eigens abgehaltenen Informationsveranstaltung am 3.12.2012 redeten die Parteien aneinander vorbei.

Zynisch vertrat dort die Genossenschaft die Meinung, dass der Wohnwert durch den Neubau auch für die alten Mieter gesteigert würde. Für das Parkplatzproblem hatte sie allerdings nur ein Schulterzucken über. Ihr täte es leid, dass es keine Parkplatzbestimmung für alten Wohnbestand gäbe und es auch keinen gesetzlichen Schutz für bisher bestehenden Stellplätze oder Garagen gäbe.

Fazit des Genossenschafts-Vorstands: Somit dürfen wir die vorhandenen Plätze ohne Ersatz vernichten. Auf die Idee, die Parkplätze freiwillig zu erhalten, kam sie allerdings nicht.

Inzwischen liegt der Redaktion eine offzielle Berechnung der tatsächlich zukünftig fehlenden Parkplätze vor. Es sind 59 Stellplätze. Für 20 davon muss die Schiffzimmerer Genossenschaft sogar eine Ablösegeühr zahlen (siehe Lokstedt online vom 26.12.2012).

Dabei interpretiert die Schiffszimmer Genossenschaft den Babauungsplan-Entwurf Lokstedt 53 höchst eigenwillig. Denn der sieht nur vor:

„Auf den derzeit mit Stellplätzen und Garagen genutzten Flächen am Rimbertweg werden neue Bauflächen ausgewiesen, da die Nutzung von Flächen für die ebenerdige Unterbringung von Pkw dieser zentrumsnahen Lage nicht angemessen ist. Mit der Ausweisung von zwei zusätzlichen Baukörpern soll eine maßvolle Verdichtung ermöglicht werden, die der großen Nachfrage nach familiengerechten Wohnungen in Lokstedt entspricht.“

Dabei will der Bezirk quasi zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er möchte zusätzliche Wohnungen schaffen und lästige oberirdische Parkplätze und Garagenhöfe abschaffen.

„Mit dieser Festsetzung sollen die Inanspruchnahme unbebauter Flächen durch oberirdische Stellplätze reduziert werden und somit das Stadtbild negativ prägende Abstellanlagen, die großflächige Versiegelung mit sich bringen verhindert werden“, heißt es weiter im B-Plan Lo 53.

Dabei wird aber niemand daran gehindert, zusätzlich eine Quartiersgarage zu bauen. Im Gegenteil dafür gäbe es sogar Zuschüsse und es steht ausdrücklich im B-Plan: „Der Bau von Tiefgaragen ist im Plangebiet überall möglich.“

Verlangt wird lediglich, dass die derzeitigen Garagenhöfe und Stellplätze unter die Erde verlagert werden: „Stellplätze sind nur in Tiefgaragen zulässig. Tiefgaragen sind auch außerhalb der überbaubaren Flächen zulässig. Die Oberkante der Tiefgaragen einschließlich ihrer Überdeckung darf nicht über die natürliche Geländeoberfläche herausragen.“

Abschließend fordert der B-Plan sogar die Schaffung von zusätzlichen Besucherparksplätzen

„Im Mischgebiet sind oberirdische Stellplätze für den Besucher- und Wirtschaftsverkehr ausnahmsweise zulässig, wenn Wohnruhe und Gartenanlagen nicht erheblich beeinträchtigt werden.“

Der Schiffszimmerer Genossenschaft ist der Bau von Quartiersgaragen und zusätzlicher Stellplätze aber wohl nicht lukrativ genug. Daher schalten die Verantwortlichen auf stur.

Da die betroffenen Genossen bei der Schiffszimmer also auf taube Ohren gestoßen sind, haben sie sich mit ihren Hilferufe auch an die Verantwortlichen bei Behörden oder in der Kommunalpolitik gewendet. Doch auch die Politker winken ab.

Der eigentlich selbst betroffene, im Rimbertweg wohnende Rüdiger Rust (SPD), wurde vor Ort von Frau Tannert angesprochen. Er antwortete, dass er zwei Stellplätze hätte, die von den Baumaßnahmen nicht betroffen seien und einen davon vermiete er sogar weiter. So ignorant haben wir Rust auch schon bei anderen Fragestellungen erlebt. Solange seine eigene kleine Welt nicht betroffen ist, hat er kein Verständnis für die Belange der Bürger.

Andere Parteien wie die Grünen oder die Linken schlagen „Autoarmes Wohnen“ als Lösungsmöglichkeit vor. Das kann man aber nicht einfach für einen bestehenden Wohnungsverband anordnen. Es kommt nur für entsprechende Neubauten in Betracht, wo junge Menschen sich gezielt auf diese Lebensform einstellen.

Autoarmes Wohnen funktioniert zudem nur dort, wo eine entsprechende Infrastruktur und ausreichend öffentliche Verkehrsanbindungen vorhanden sind. Und die müssten erst geschaffen werden.

Natürlich ärgert sich jeder über die vielen an allen Straßenrändern parkenden Autos. Doch solange die Bewohner auf ihr Auto angewiesen sind, müssen genügend Parkplatzflächen vorhanden sein.

Karin Tannert beschreibt in ihrem Leserbrief aber noch ein weiteres aktuelles Problem: die Baustellen. Der Veilchenweg und die Troplowitzstraße seien im Moment Sackgassen, der Grandweg eine einzige Dauerbaustelle und teilweise tagsüber durch LKW völlig versperrt und die Emil-Andresen-Straße streckenweise Einbahnstraße.

Und tatsächlich, wer sich einmal die Mühe macht, mittags am Rimbertweg vorbeizuschauen, wird feststellen:

Weit und breit kein Parkplatz. Da fragt man sich, wie machen das die Postautos, Handwerker und Gäste. Eine Anwohnerin: „Hier werden ständig Strafzettel verteilt.“ Baustellen belegen im Quartier an einigen Stellen ganze Fahrspuren. Kaum vorzustellen, was passiert, wenn auch noch am Rimbertweg gebaut wird.

www.hamburg.de (B-Plan Lo 53)
www.hamburg.de (Begründung zum B-Plan)
www.hamburg.de (Wohnungsbauprogramm, Broschüre)
www.hamburg.de (Wohnungsbauprogramm)
www.elbe-wochenblatt.de

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online.de 25.12.2012