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Gärtnereien

Die weder Sonn- noch Feiertage kannten

Mit der Schließung der Gärtnerei Holzweißig in der Stresemannallee endet eine Ära. Lokstedt war einst für den deutschlandweiten Versand von wohlriechenden Veilchen und Rosen bekannt und es gab mehr als 40 Gärtnereien in der Gegend um den Grandweg, die Süderfeld- und die Emil-Andresen-Straße.

Über die Herkunft des Firmengründers kursieren verschiedene Versionen. In einer Fotostrecke der Eimsbüttler Nachrichten heißt es in der Unterschrift: „Max Holzweißig kommt 1904 aus dem Gärtnerdorf ‚Holzweißig‘ in Sachsen-Anhalt nach Hamburg. In Eimsbüttel eröffnet er seine eigene Gärtnerei.“

Rudolf Grigat schreibt hingegen in seinem 1999 erschienen Buch Hamburg-Lokstedt: „Max Holzweißig (1886-1946) wuchs in Eilenburg / Sachsen als ältestes von 9 Kindern auf. Er wurde Gärtner und ging auf den Rat seines Vaters nach Norddeutschland, um sich hier selbständig zu machen.“

Nun ja, von Holzweißig nach Eilenburg fährt man heute rund eine dreiviertel Stunde mit dem Auto. Gut möglich, dass der aus Eilenburg stammende Max seine Ausbildung im Gärtnerdorf Holzweißig gemacht hatte und sich hernach Max Holzweißig nannte.

1904 machte sich Max dann auf in den Norden, sah sich etwas um und kaufte schließlich mit finanzieller Unterstützung eines Onkels 1905 für 28.000 Mark die Gärtnerei Rudolf Jecklin. Das Grundstück von 2.500 qm Größe erstreckte sich beidseits der heutigen Stresemannallee, die damals noch Neu-Lokstedter Straße hieß. Grigat schreibt dazu: „Der Preis von 11,2 Mark pro qm war für damalige Verhältnisse sehr hoch.“

Doch was sollte man machen. Schon damals war die Lage entscheidend für ein gutes Geschäft. Und mit dem Kauf von einem viertel Hektar fruchtbaren Land in Lokstedts Gartenquartier war Holzweißig angekommen - im Mekka der Blumenzüchter.

Horst Grigat über den Lokstedter Blumenboom um die vorletzte Jahrhundertwende: „Von Lokstedt aus erreicht man die Hamburger Innenstadt nach einer Stunde Fußweg. Diese günstige Lage wie auch der gute Boden führten schon früh und besonders nach 1873 zur Ansiedlung von Gärtnereien in diesem Vorort. Düngemittel und Brennstoffe für die Heizungsanlagen der Treibhäuser ließen sich leicht per Pferdefuhrwerk beschaffen, die gärtnerischen Erzeugnisse zu Fuß oder per Hundekarren schnell ausliefern.“ so Horst Grigat

Die Blütezeit der Lokstedter Gärtnereien war zwischen dem Krieg von 1870/71 und dem ersten Weltkrieg. Als Holzweißig sich in Lokstedt einkaufte, war „der Name Lokstedt durch den Versand von Rosen, Veilchen, Sämereien, Stauden, Sträucher usw. in ganz Deutschland und manchem Nachbarlande“ bereits bekannt geworden. Kein Wunder, dass der Onkel half und in das Geschäft seines Neffen investierte. Es versprach ein lukratives Geschäft zu werden.

Zudem konnten die Neuankömmlinge es sich im Ausflugsort Lokstedt gutgehen lassen. Denn Lokstedt war damals tatsächlich ein Dorf in dem man „gut und gerne leben“ konnte. Die Gärtner wurden schnell zu geschätzten Nachbarn. Grigat: „Die Sauberkeit und der Fleiß dieser neuen Dorfgenossen, die weder Sonn- noch Feiertage kannten, wurden von den alten eingesessenen Bauern und Handwerkern, die nur die grobe Feldarbeit gewohnt waren, stets bewundert und richtig gewertet.“

So ging es denn auch mit der Gärtnerei Holzweißig zunächst gut voran. Zeitweise arbeiteten hier bis zu sieben Angestellte. Grigat: „Spezialität der Gärtnerei wurden Topfrosen aus dem Treibhaus. Rosen gab es bereits ab Januar zum Preis von 1 Mark. Weiterer Schwerpunkt war die Anzucht der ‚Hamburger Brautmyrte‘. Die Firma lieferte bis nach Königsberg, Dresden und Bielefeld.“

Nach dem ersten Weltkrieg, als nach und nach die Motorisierung einsetzte, begann das Sterben der Lokstedter Gärtnereien. Zwar waren 1928 noch 42 Gärtnereien vor Ort ansäßig, doch immer mehr Gärtner gaben ihr Geschäft auf und siedelten am Stadtrand.

Auf Max Holzweißig folgte sein 1906 geborene Stammhalter Walter, der ebenfalls Gärtner wurde. Unter größten Schwierigkeiten brachte er den Betrieb durch den zweiten Weltkrieg - er war per Verordnung gezwungen Gemüse anzubauen. Nach dem Krieg gelang es ihm, wieder auf Blumenanbau umzustellen. Ein Höhepunkt der Ära Walter Holzweißig, die IGA 1953. Seine Erzeugnisse wurden mit Gold- und Bronzemedaillen bedacht.

1971 übernahm der Enkel des Firmengründers Helmut den Betrieb. Schon damals mussten die Anbauflächen verkleinert werden. Etwa 700 qm jenseits der Straße - dort wo heute der E aktiv Markt ist - wurden verkauft.

Helmut übergab den Betrieb in die Hände seiner Tochter. Svenja Holzweißig führt die Gärtnerei in vierter Generation. Als sie diese 2006 übernimmt, arbeitet sie bereits seit 20 Jahren in der Geschäftsführung der Firma.

Doch Svenja Holzweißig übernahm das Ruder der Firma in stürmischen Zeiten. Zunächst machte ihr der „wachsenden Preisdruck der großen Ketten“ (Eimsbütteler Nachrichten) zu schaffen. In den letzten 5 Jahren sei dann der Preisdruck einfach zu groß geworden.

So schreibt eine Kundin im Portal Yelp über ihren Einkauf in der Gärtnerei Holzweißig: „Wir waren - wenn auch spät im Jahr - auf der Suche nach winterharten Pflanzen für unseren Balkon. Nachdem unsere suchenden Blicke gesehen wurden, sind wir in dieser Gärtnerei unglaublich nett und kompetent beraten worden. Die Preise sind natürlich nicht so niedrig wie im Baumarkt oder bei bekannten 'Blumen-Discountern' aber die gute Beratung war den höheren Preis absolut wert. Parkplätze findet man auf der anderen Straßenseite bei Edeka oder mit Glück an der Straße.“

Doch noch kann die Gärtnerei manch Kunden mit gutem Service überzeugen. So schreibt eine andere Kundin:

„Schön, schön, schön. Seit 10 Jahren wohne ich in der Nachbarschaft und war hier noch nie drin, vor 2 Wochen hat es mich dann doch endlich gepackt und ich war im Paradies, so musste ich gleich heute noch einmal hin. Denn sonntags ist hier von 10 bis 12 Uhr auf! Der Laden sieht schon von draußen recht heimelig und individuell aus. Einige große, miteinander verbundene Gewächshäuser. Draußen reichlich geschmückt und parken geht hier auch problemlos! Innen ist alles bunt und glitzerig, aktuell alles voller bunter, schöner glitzernder Weihnachtsgestecke und Weihnachtssternen. Ich habe mich hier quasi bereits Shopping-Exzess mäßig ausgetobt. Die Blumen sind hier frisch und gut sortiert, alle Arrangements fantasievoll und werden gerne auch nach den eigenen Wünschen gestaltet. Die Preise sind hier auch sehr moderat und tolle Geschenkideen findet man hier ohne Ende! Ein Lob an das freundliche Personal, für das nette Lächeln, die tollen Gestecke und die schöne Deko! Aktuell gibt's übrigens grad riesige Grünpflanzen für den heimischen Dschungel, und ab Montag Weihnachtsbäume, also nix wie hin!“

Doch trotz zufriedener Kunden, ging der Umsatz weiter zurück. Zu guter Letzt bekam die Gärtnerei dann auch noch Konkurrenz aus dem Internet. Amazon liefert inzwischen fertige Blumensträuße versandkostenfrei ins Haus. So entschlossen die Holzweißigs sich zu Beginn des Jahres schweren Herzens, den Betrieb einzustellen.

Am 30.9.2017 war nach 112 Jahren der letzter Verkaufstag. Bis zum Ende nächster Woche kommen noch einige Gewerbetreibende und übernehmen den Rest und das Inventar.

Die Eimsbüttler Nachrichten schreiben, dass die Familie Holzweißig ihrem Handwerk treu bleiben möchte: „Konkrete Pläne für die Zukunft haben Svenja und Arne noch nicht. Sie wollen weiter als Gärtner und Floristen arbeiten. Das Grundstück der Gärtnerei ist bereits an einen Bauinvestor verkauft. Was damit passiert, wissen die beiden nicht.“ Ihr schönes Wohnhaus direkt neben der Gärtnerei werden die Holzweißigs allerdings behalten.

Eines allerdings ist sicher. An einen Gärtner verpachten, wird der Investor sicher nicht. Ein kleines Trostpflaster dürfte hingegen für Familie Holzweißig sein, dass die Quadratmeterpreise in Lokstedt in den letzten 100 Jahren erheblich gestiegen sind.

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© Lokstedt-online 04.10.2017