Foodsharing

Statt wegwerfen - Essen retten und verteilen!

Dass mit unseren heutigen Lebensgewohnheiten einiges im Argen liegt, weiß eigentlich jeder. Wir wissen alle, dass die Preise für Lebensmittel so niedrig sind, dass wir es uns leisten können, viel zu viel davon zu essen.

So niedrig, dass unsere Landwirte davon nur noch leben können, wenn die Tiere zu kurzlebigen Produktionsmaschinen gezüchtet, mit Antibiotika voll gestopft, artwidrig gehalten und kreuz und quer durch Europa transportiert und enorm hoch staatlich subventioniert werden. Wir wissen es und schauen weg, wenn diese subventionierten Produkte in großen Mengen in die ärmsten Länder der Erde exportiert und dort so billig auf den Markt kommen, dass dort die Grundlagen für den selbst erarbeiteten Lebensunterhalt vernichtet werden.

Jedermann leuchtet ein, dass es keinen Sinn macht, erst mit großem Aufwand Lebensmittel zu produzieren, zu lagern und zu transportieren, um sie dann wegzuwerfen. In riesigen Mengen wegzuwerfen, während Millionen hungern. Wir tun es dennoch tagtäglich.

Es regt sich aber auch Widerstand gegen diesen Unsinn in der Gesellschaft. Florian Gössele, Lokstedter Botschafter von foodsharing, berichtete am Donnerstag Abend im Bürgerhaus Lokstedt über eine Bewegung, die all dies nicht mehr tatenlos geschehen lassen will. Vermeidbare Vernichtung von Lebensmitteln verhindern und stattdessen durch vernetztes Handeln Essbares retten und dem Verzehr zuzuführen ist die selbst gesetzte Aufgabenstellung der Essensretter von foodsharing, einer im gesamten deutschsprachigen Raum aktiven Initiative.

Bäckereiketten sind verpflichtet, noch spät am Tag volle Regale mit viel Auswahl vorzuweisen. Mindesthaltbarkeitsdaten werden als Verfallsdaten missinterpretiert. Unüberlegte Spontankäufe führen zu übermäßigem Einkauf weit über den Bedarf hinaus. All das führt zur vermeidbaren Verlusten von eigentlich sehr kostbaren Gütern. - Durch Dumpingpreise und Fehlentwicklung fördernde Subventionspraktiken erkennen wir diesen Wert nicht mehr.

Wenn aber regelmäßig ein ehrenamtlicher „Foodsaver“ vorbei kommt, die übrig gebliebenen Lebensmittel einsammelt und sie zum „Fairteiler“, zu einem der öffentlichen Kühlschränke bringt, aus denen sich jeder bei Bedarf frei bedienen darf, dann findet etwas statt, was den Begriff Wertrettung verdient. Das Prinzip der Geldfreiheit findet durchgehend Anwendung in dieser Wertrettungskette. Acht solcher Fairteiler gibt es bereits in Hamburg. Sie sind auf der Webseite von Foodsharing zu finden www.foodsharing.de. Weitere werden bestimmt entstehen, denn diese Bewegung wächst.

Die größte Verschwendung von Lebensmitteln findet in der Tat in privaten Haushalten statt, berichtete Gössele. Im Foodsharing-Netzwerk gibt es auch eine zweite Variante des Foodsaving und –sharing besteht im Format der Essenskörbe. Jeder, der frische Lebensmittel übrig hat, kann diese auf der Webseite zur kostenlosen Abholung anbieten. Am heutigen Abend waren acht Körbe im ganzen Stadtgebiet angeboten: Buttertoast, Biobrötchen und –baguette, Eichblattsalat, Radieschen, Äpfel, Bananen, Gurken, Grapefruit, Crushed Eis, Joghurt, Milch, Senseo Mild pads und Wackelpudding waren kostenlos zu haben.

Das Konzept kommt an sowohl bei den Aktivisten als auch bei den Verbrauchern: über 10.000 Foodsaver engagieren sich im Netz und haben bisher knapp 200.000 Rettungs-Einsätze bewerkstelligt. Über 2.000 Betriebe kooperieren und stellen Lebensmittel zur Verfügung, mehr als 2.500 Tonnen Lebensmittel sind so bereits vor unnötiger Vernichtung gerettet worden.

Natürlich setzt ein funktionierendes Netzwerk Spielregeln und Koordination voraus. Über 300 Botschafter sorgen dafür. Wer als Foodsaver aktiv werden will, registriert sich auf der foodsharing-Webseite, absolviert ein Quiz und wird dann von einem Botschafter kontaktiert, der die weitere Einführung in die Foodsaver-Rolle übernimmt. Die manchem Leser vielleicht geläufige Initiative „Essensretter“ ist mit foodsharing verschmolzen.

Wenn jemand jetzt denkt, dass dies alles Konkurrenz für Die Tafeln wäre, irrt. Das Gegenteil ist der Fall. Beide Initiativen ergänzen sich gegenseitig und sind dicke Freunde.

Wenn unser Bauchgefühl für die Unvernunft im Umgang mit Lebensmitteln in die Tat für Bewusstseinsveränderung umgesetzt wird, kann sich eine ganze Gesellschaft ändern. Am allerbesten ist noch immer: nie hungrig einkaufen, Einkaufszettel mitnehmen, auch Sonderangebote verschmähen - es sei denn, die Ware wird wirklich verzehrt.

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 25.10.2015, Helena Peltonen