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Aus den Nachbarstadtteilen

Auf dem Weg nach Schweden

Mittwoch, kurz nach 11 Uhr in der Warnstedtstraße in Stellingen. Ein kurzer Blick, der mühevoll gepflegte Rasen unter der großen, schattigen Blutbuche benötigt bis zum Abend doch kein Wasser. Und auch die Blumenkästen an der Straße sind noch ausreichend versorgt.

Beim Gang zurück ins Haus ein Gruß an den Nachbarn, der gerade mit Besuch auf der Terrasse sitzt. Eine Bewohnerin kommt von einer anstrengenden Nachtschicht nach Hause und parkt ihr Auto vor dem Haus.

Kurz darauf ein ohrenbetäubender Lärm, so als ob ganz viele Metallteile übereinander herfallen. Hat ein Bagger etwas umgerissen? Aber keine Schreie, es ist ruhig, also ist nichts passiert. Es kann also losgehen, mit dem Fahrrad Einkaufen fahren.

Beim Öffnen der Haustür dann der Schock. Da wo eben noch Fahrräder standen, steht jetzt ein riesiger Lkw. Ein Ast, so dick wie ein Baum, und Fahrräder versperren den Weg nach draußen.

Die ersten Leute sind angerannt gekommen, einer versucht verzweifelt mit dem Fahrer polnisch zu reden. Die gerade nach Haus gekommene €rztin erzählt, der Fahrer lebt, ist aber eingeklemmt, man müsse auf die Retter warten.

Von überall her kommen Menschen angerannt. Feuerwehr und Rettungswagen treffen ein. Beim Gang um den Lkw-Auflieger wird dann das ganze Ausmaß des Unfalls sichtbar. Ein Kleinlaster mit einer riesigen Werbefläche drauf, der eben noch an der Straße stand, ist 20 Meter mitgeschliffen worden, hat sich um 180 Grad gedreht und ist ebenfalls gegen den Baum geprallt. Dabei hat er einen am Straßenrand abgestellten silbernen Pkw demoliert, der Schaden an weiteren Pkws erzeugte.

Nach einer knappen Stunde ist der Fahrer befreit und wird ins Krankenhaus gebracht. Kameramänner und Reporter beenden ihre Arbeit, die Feuerwehr packt ihr Rettungsgerät zusammen. Die Polizei befragt weiterhin Zeugen und es wird aufgeräumt. Kaputte Autos werden erstmal auf den Gehweg geschleppt, der Verkehr soll möglichst schnell wieder fließen.

Die Bergung des Lkw samt Hänger ist aufwendiger. Wer bekommt den Auftrag, wer bezahlt? Schweres Gerät muss herangefahren werden, das dauert. Aber dann wird die Straße erneut gesperrt und mit zwei schweren Spezial-Lkws wird das Unfallfahrzeug zurück auf die Straße gezogen und dann getrennt abtransportiert.

Während dieser vielen Stunden ist Zeit für Gespräche mit den Nachbarn. Es wird spekuliert über die Unfallursache, Herzinfarkt oder Übermüdung?

Bewohner des Nachbarhauses, sonst keine Freunde des Baumes, weil er Wohnungen beschattet, die Aussicht versperrt und im Herbst für viel Laub sorgt, spekulieren, was ohne diesem Baum passiert wäre. Jetzt sind sie froh, dass der Baum dort stand und zumindest ihre Wohnung gerettet hat.

Zwei Tage später ein Telefonat mit der dänischen Spedition. Dem Fahrer geht es wieder gut, er kann sich an nichts erinnern. Es war wohl ein Schwächeanfall und dabei wurde versehentlich Gas gegeben, anders ist die viel zu hohe Geschwindigkeit in der Tempo-30-Straße nicht zu erklären. Er sollte Kokosflocken von Kaltenkirchen nach Schweden bringen. Was er dabei in der Warnstedtstraße machte wird wohl für immer das Geheimnis eines Navigationsgerätes bleiben.

Samstag: Immer noch zeugt eine lange Spur, ausgelaufene Betriebsflüssigkeiten im polizeideutsch, schräg von der Straße zum Baum verlaufend, von dem Unfall. Ein Gutachter bespricht die Maßnahmen, die notwendig sind um Umweltschäden und Unfallspuren zu beseitigen. Der Baum kann mit großem Aufwand eventuell erhalten werden, aber das sollen Fachleute entscheiden.

Die Tochter des Lkw-Fahrers, aus Litauen angereist um den Vater aus dem Krankenhaus abzuholen, fischt noch ein paar persönliche Sachen aus den Überbleibseln am Baum.

Menschen bleiben stehen und schauen auf die Stelle, wo der Lkw gestoppt wurde. Autofahrer bremsen und wundern sich, dass es hier irgendwie anders aussieht als sonst. Der Nachbar schildert nochmals die Szene, wie Lkw und Werbetruck an seiner Terrasse vorbeischießen und dass sich diese Szene dauernd in seinem Kopf wiederholt. In dem Augenblick düst ein Auto mit Anhänger vorbei, Metallteile hoppeln auf dem Hänger und zwei Menschen ducken sich zuckend, ängstlich suchend nach der Ursache des Geräusches.

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© Lokstedt-online.de 21.06.2015, Text: Bernd Reipschläger (baum@reipe.info)